Grenzerfahrung am Vulkan Osorno, Chile

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Ich stehe im Dunkeln mitten am Hang eines Vulkans in Zentralchile  am Rande der Verzweiflung, und frage mich, auf was zum Teufel ich mich da eingelassen habe. Ich sehe nichts, aber ich weiß, dass ich noch ungefähr 1300 Höhenmeter vor mir habe, bevor der Gipfel des Vulkans Osorno erreicht ist. Ich weiß auch, dass ich die einzige Frau in der Truppe bin, die mit den kürzesten Beinen und der geringsten Kraft. Dass ich nach 20 Minuten körperlich schon an meine Grenzen komme und dass es verdammt anstrengend ist, auf sandigem Untergrund eine nicht unerhebliche Steigung zu bewältigen. Ich weiß, dass in meinem Rucksack Steigeisen und eine Kletterausrüstung verstaut sind und frage mich, wie ich in diese Situation kommen konnte. Aber ich weiß auch, dass ich nicht aufgeben kann. Ich werde es schon allen zeigen, chakkaaaaa!

Aber von vorne:

Bevor Michael und ich den Chile/Argentinien-Urlaub gebucht hatten, stand dieser Trip auf den Osorno Vulkan immer mal wieder zur Debatte. 1400 Höhenmeter, die letzten 650 auf Eis und Schnee. Ich war eher skeptisch und nicht ganz sicher, ob ich das körperlich schaffen würde, und ganz ungefährlich klang es auch nicht. Der Plan war, am Vorabend schon in eine Skihütte auf halber Höhe des 2652m hohen Vulkans zu fahren und dann am frühen Morgen (5 Uhr, und das im Urlaub!) mit einer geführten Truppe aufzubrechen, um den Gipfel zu erklimmen. Eigentlich hatte ich ein paar Wochen vor unserem Urlaub mit regelmäßigem Ausdauertraining beginnen wollen, aber mit Start in den neuen Job im Oktober blieb irgendwie nicht mehr so viel Zeit, sodass ich relativ untrainiert Richtung Südamerika flog.

Blick auf den Osorno von Puerto Varas

Blick auf den Osorno von Puerto Varas

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Aber was tut man nicht alles aus Liebe…;-) Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, Michael eine Absage zu erteilen. Er hat sich so auf den Trip gefreut, hat so sehr gehofft, dass ich mitkommen würde, dass ich einfach nicht nein sagen konnte. Ein bisschen Training habe ich außerdem schon bei unserem 5-Tage-Trekking in Patagonien bekommen, ich sollte es also irgendwie schaffen, dachte ich mir.

Irgendwann war es dann so weit. Wir packen unsere Trekking-Rucksäcke (darin waren wir ja mittlerweile geübt) und werden von unserem Guide José von Huella Andina Expeditions (die ich übrigens uneingeschränkt empfehlen kann) mit dem Auto abgeholt. Erste Erleichterung: Er spricht hevorragendes Englisch und wirkt auch sonst sehr kompetent. Weniger erleichtert bin ich, als ich sehe, dass er noch einen weiteren Gast mit im Auto hat einen Australier, der zwar sehr nett, aber auch sehr trainiert wirkt und ein paar Köpfe größer ist als ich. Ständig geht mir im Kopf herum, wie sehr ich mich vor den Männern blamieren würde…Es wird nicht besser, als die Gespräche im Auto sich darum drehen, wer wie oft schon welche Touren gemacht hatte und wie oft trainiert würde. Ernsthaft? Ich sitze tatsächlich im Auto Richtung Vulkan und fühle mich wie beim Gang zum Henker. Vorsichtig frage ich José, wie lange seine Gruppen denn in der Regel so bis zum Gipfel brauchen würden und er antwortet „Die Profis brauchen vier Stunden, die nicht ganz so trainierten sieben!“ und mit einem gewissen Galgenhumor kündige ich an „Dann brauchen wir acht, wenn ich mit dabei bin!“

An der Skihütte angekommen, bietet sich uns ein wunderschöner Sonnenuntergang und ein leckeres Abendessen. Außerdem lernen wir unseren zweiten Guide Falco und einen weiteren jungen Mann mit Bergsteigerfahrung kennen, der ebenfalls bei der Tour mit dabei sein würde. Na toll, also weitere zwei Männer, für die ich ein Klotz am Bein sein würde…

Die Skihütte liegt etwa auf halber Höhe des Vulkans

Die Skihütte liegt etwa auf halber Höhe des Vulkans

Von Refugio Teski sieht der Gipfel gar nicht so weit entfernt aus...

Von Refugio Teski sieht der Gipfel gar nicht so weit entfernt aus…

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Großartiger Blick vom Teski Refugio, der Skihütte

Im Gegensatz zu sonst bin ich ziemlich still, meine Gedanken drehten sich pausenlos um den nächsten Tag. Um vier Uhr sollen wir aufstehen, um fünf losgehen. An Schlaf ist natürlich überhaupt nicht zu denken und morgens schimpfe ich wie ein Rohrspatz über Michael, der mich in diese Lage gebracht und über mich selbst, die das zugelassen hatte. Aber es ist zu spät für einen Rückzieher. Wir zwängen uns ein kleines Frühstück rein, was um vier Uhr morgens gar nicht so einfach ist, und brechen pünktlich auf.

Dann, zwanzig Minuten nach Start der Tour, befinde ich mich in der eingangs beschriebenen Situation. Draußen ist es stockdunkel, wir haben Stirnlampen aufgesetzt (die kannte ich sonst nur aus dem Bergbau) und stiefeln hintereinander durch tiefsten Sand und Asche. Das konnte doch jetzt nicht deren Ernst sein? Beim Trekking habe ich auch viele Höhenmeter geschafft, aber das hier? Das ist wie eine Düne hochlaufen! Oder eine Skipiste. Ich bin jetzt schon völlig fertig, wie soll ich das denn schaffen? Aber ich kann doch nicht so früh aufgeben, das wäre die absolute Blamage! Ich gehe also zu José und frage ihn, wie lange das noch so sandig weitergeht. Er behauptet, dass der Anfang der schwierigste Teil und gleich geschafft sei. Ich versuchte, ihm zu glauben. Und stiefele weiter. Schuld an der ganzen Asche ist übrigens der Ausbruch des Nachbarvulkans Calbuco im April 2015, der auch den Osorno mit Asche überschüttete.

Die erste Pause machen wir an einem Skilift, der aber erst ab 11 Uhr fährt. Sehr geisterhaft, der menschenleere Lift, gerade so zu erahnen in der Dämmerung.

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Es wird langsam heller, der Sonnenaufgang wunderschön. Wir stiefeln weiter. Ich bin die ganze Zeit darauf bedacht, nicht zu langsam zu sein, ich will mich ja nicht blamieren. Die Männer sollten ja nicht denken „Typisch, die Frau hält uns alle auf.“ Naja, ein bisschen wird es trotzdem so gewesen sein, so trainiert, wie die alle waren. Egal, nicht zu viel drüber nachdenken.

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Dann ist die Eisgrenze erreicht. Zeit für Helm, Eispickel, Steigeisen und Kletterausrüstung. Als mir dann da reingeholfen worden war, merkt José noch an „Wenn sich eure Blase jetzt meldet, ist jetzt die letzte Gelegenheit…“ Mist, da hätte ich auch vorher mal dran denken können. Also nochmal raus aus der Kletterausrüstung, ein Stück den Berg runter, damit mich die Männer nicht mehr sehen können.

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Gefühlt endlos stapfen wir in zwei Gruppen auf Eis und Schnee den Vulkan hoch. Immer schön im „Zig-Zag“, nicht einfach geradeaus. Und immer darauf achten, dass der Abstand zwischen uns stimmt, denn wir sind alle an ein Seil gekettet. Ich merkte, dass meine Kräfte mich langsam verlassen. Aber der mit Abstand anspruchvollste Part sollte erst noch kommen. Nur 50 Höhenmeter, aber so steil, dass wirklich geklettert werden musste. Meine Nerven zum Zerreißen gespannt, sammele ich die letzte Kraft und ziehe mich nach und nach die Eisklippen hoch. Falko ist vor mir, er hämmert Trittstufen mit seinem Pickel ins Eis, damit wir es leichter haben. Manchmal vergisst er, dass ich ja hinter ihm bin, die nicht ganz so lange Beine hat wie die Männer. Wir bekommen die Anweisung, den Kopf immer gesenkt zu halten, damit uns das herunterbröckelnde Eis nicht im Gesicht trifft, sondern nur auf den Helm prallt. Ich habe panische Angst, dass ich abrutsche und Michael mit meinem Steigeisen treffe.

Endlich sind wir oben. Wir werden vom Seil losgemacht und ich bekomme einen hysterischen Anfall. Ich lache und weine abwechselnd, bin unglaublich stolz, alle Anspannung fällt ab. Wir müssen aber noch auf dem Gipfel ein paar Meter gehen, und ich kann einfach nicht mehr. Mir fällt jeder Schritt schwer, es ist, als wollten meine Beine einfach nicht mehr weiter. Aber als wir dann an unserem Rastplatz angekommen sind und ein Picknick auspacken, kann ich schon wieder lachen, diesmal nicht hysterisch, sondern einfach stolz und glücklich, es geschafft zu haben. Wir gratulieren uns alle gegenseitig, und als José die Zeit verkündet, die wir gebraucht haben, kann ich es kaum glauben: Fünf Stunden, und das, obwohl ich dabei war! Zur Erinnerung: Die Profi-Bergsteiger brauchen vier. Nicht schlecht, finde ich, und bin noch stolzer.

Temp

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Was noch schöner ist: Michael ist noch stolzer auf mich als ich selbst. Und dankbar. Er hört gar nicht mehr auf, mich anzustrahlen, sieht mich die ganze Zeit ganz verliebt an und freut sich wie ein Schneekönig über diesen gemeinsamen Erfolg. In dem Moment ist jeder Ärger vergessen, jede Anstrengung hat sich gelohnt.

Wir müssen zwar noch runter, aber das schaffen wir dann in drei Stunden. Der spaßigste Part ist das Abseilen ganz am Anfang des Rückwegs, und auch danach ist alles viel einfacher, weil ich so beschwingt bin. Die ganze Zeit denke ich, dass ich das alles mit purer Willenskraft geschafft habe. Wäre mein Wille nicht so stark gewesen, hätte mein Körper nicht mitgemacht.

Es geht wieder runter

Es geht wieder runter

Zurück in der Skihütte gönnen wir uns eine Dusche und ein kaltes Bier und lassen uns dann zurückfahren. Alles zittert an mir, mein Körper ist völlig am Ende und ich habe leichte Kopfschmerzen von der Anstrengung, aber das ist mir alles egal: Ich habe es geschafft!

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